Die Rufe aus der Heimat werden immer lauter, die Lust und Freude auf zu Hause immer größer. Aber nicht nur das Heimweh begründet den Gewaltmarsch, vier Länder in einem Monat zu durchqueren. Die Visabegrenzungen geben uns für den Sudan zwei Wochen, für Saudi-Arabien nur drei Tage und für Syrien eine Woche Zeit. Wir klopfen auf Holz, dass Bernd nicht liegen bleibt und werden nicht enttäuscht von unserem treuen Gefährt.
Der Sudan entpuppt sich für uns, aus Äthiopien kommend, als etwas farbloses Reiseland, viel Wüste wenig Drumherum. In einer Volksabstimmung wurde beschlossen, das Land in zwei Teile aufzuteilen. Die Nervosität der Medienlandschaft vor einem Bürgerkrieg ist unbegründet. Vor Ort ist es ruhig, zwei Studentinnen aus der Hauptstadt Khartum erzählen uns, dass sie keine Teilung wollen, sie wollen einfach nur in Frieden leben. Was bei uns hängen bleibt sind die Temperaturen: tagsüber 50 Grad, nachts kühlt es selten auf 35 Grad ab. Nasse Tücher schaffen kaum Linderung. Überland verdonnern Sandstürme uns zu geschlossenen Scheiben (nein, wir haben keine Klimaanlage im Bus). Frauen sehen wir kaum, nur Männer in weißen Bettlaken. Nach einer exzessiven Visabeschaffungs- und Organisationsphase in Khartum, in der wir für das Saudivisum mal eben heiraten
, können wir diese Trockensauna nach ein paar Abstechern in die Wüste schnell hinter uns bringen.
Die Überfahrt nach Saudi-Arabien entpuppt sich als bürokratischer Hürdenlauf. Tausend Zettel müssen für die Sudanausreise gestempelt und unterschrieben werden. Fast einen Tag nimmt das Prozedere in Anspruch. Die Fähre liegt lange wartend im Hafen. Wir wiederum liegen kurz nach dem Ablegen bereits lang. Das Schiff hat keine Stabilisatoren und wir entpuppen uns bei leichtem Seegang als inkompetente und zu nichts zu gebrauchende Landratten. Jeddah, der Ankunftshafen, liegt nach einer unruhigen Nacht in Sicht. Sylvi ist gezwungen ihre Ganzkörper-bedeckende Abaja sowie ein passendes Kopftuch anzuziehen. Nach Mekkah dürfen wir als ‚Unglaubliche‘ natürlich trotzdem nicht. Frust, Ärger und Unverständnis macht sich bei Sylvi breit: Sie ist jetzt eine von den vielen Gesichtslosen bei 40 Grad in schwarz gehüllten Wesen, die von Männern nicht beachtet werden, während diese in kurzen T-Shirts durchs arabische Leben trudeln. Im Restaurant dürfen wir nicht vorn sitzen, wir müssen oft in eine Art Zelle, genannt ‚Familien Raum‘, mit verschließbarer Tür ohne Fenster. Essen wie im Knast. Doch das Ganze hat auch einen Vorteil: Sylvi wird ihre Klamotten los. Die drei Tage Saudi-Durchfahrt lassen kaum Raum für Erzählenswertes. Der Abstecher in die Ausläufer des Wadi Rum, die endlose Skyline der Erdölraffinerien und wahnsinnig energieintensive Projekte wie Meerwasser-Entsalzungsanlagen oder grüne Felder mitten in der Wüste hinterlassen den Eindruck einer künstlich geschaffenen Welt. Der Transit ist unkompliziert.
Jordanien wiederum entpuppt sich als touristisch völlig ersch(l)ossen: Die Menschen haben sich an den Reisenden und vor allem seine volle Geldbörse gewöhnt. Es ist schwierig faire Preise zu bekommen, in Petra – einem der Weltwunder – sollen wir für ein Tagesticket 90 Dollar pro Tag zahlen. Doch wir finden einen weniger teuren Weg die alten Bauten zu erkunden… Wie auch bei der Einreise sollen wir bei der Ausreise viel Geld für nichts zahlen: „Bakschisch“ nennt man diese Form von Schmiergeld ohne Gegenleistung, auch wenn das alles einen formellen Anstrich hat. Doch in Jordanien gibt es gerade keine Touristen. Die Angst vor Unruhen färbt ebenfalls auf unbeteiligte Länder ab.
Syrien hingegen verzaubert uns. Trotz unserer Bedenken in angeblich größten Unruhezeiten einzureisen (auch hier ein großes Danke an unsere nationale und internationale Medienlandschaft) lassen uns die Grenzer passieren. Wir fahren noch am gleichen Tag nach Damaskus, eine der ältesten bewohnten Städte der Welt und fühlen uns wie in einer von Sherezades Erzählungen. Tausende Lichter blinzeln vom Stadtrand auf das Tal, türkisene Moscheenkuppeln beleuchteten verwunschene Gassen mit schiefen Dächern an denen bunte Wäsche baumelt. Apfeltabakduft aus zahlreichen rauchenden Wasserpfeifen vermischt sich mit den Düften süßer Backwaren, die Frauen und Männern gerne zu runden Formen verhelfen. Wir schlendern durch Märkte, schnuppern an Gewürzbergen, trinken Schwarztee mit frischer Minze und viel Zucker. Wir bleiben zwei Tage, parken mitten in der Stadt auf einem öffentlichen Parkplatz. Die Bewohner in Aleppo werden uns später sagen, in Damaskus ist nahezu Krieg. Wir genießen diese sagenhafte touristenfreie Stadt, die nur für uns ihre Pforten zu öffnen scheint. Wie auch Jordanien ist Syrien mit Jahrtausende alten Siedlungsruinen ehemaliger Weltstädte gepflastert, wir finden Palmyra inmitten der Wüste in grünen Oasen mit Dattelpalmen und Olivenbäumen. Auch der Assad-Stausee lädt mit kristallklarem Wasser zum Verweilen ein. Syrien ist ein Land, das wir jedem ohne Bedenken ans Reiseherz legen können. Die Gastfreundschaft und Freundlichkeit der Syrer erinnert uns an den Iran. Nun planen wir die Weiterfahrt durch die Türkei sowie Sylvis 30. Geburtstag. Wir stocken Souvenirbestände auf und bewegen uns so langsam aber sicher in europäische Gefilde. Das erste saftige Grün kurz hinter der türkischen Grenze weckt in uns pure Heimatlust. Wir sehen uns!